Es ist sicher, dass dieses Rathaus die wichtigsten Ereignisse aus der Breslauer Geschichte beobachtet hat. Ob es Machtwechsel, Breslauer Fenstersturz oder Bierkrieg war – es hat alles miterlebt. Über mehr als 200 Jahre lang wurde es erbaut und beeindruckt bis heute sowohl von außen als auch im Inneren.
Dieses architektonische Meisterwerk strahlt bis heute eine ungebrochene Faszination aus. Über Jahrhunderte hinweg war das Rathaus das pulsierende Herz der Stadt: Hier wurden Steuern festgelegt und zukunftsweisende Investitionen geplant. Doch hinter den prächtigen Mauern verbirgt sich noch viel mehr – vom gut gesicherten Tresor und dem ehrwürdigen Gerichtssaal bis hin zum schaurigen Stadtkerker.
Breslauer Fenstersturz
So wie der Name sagt, wurde jemand aus dem Fenster gestürzt. Der Weg zu diesem Ereignis war für manche besonders anstrengend.
Breslau war damals eine reiche Stadt, von vielen Menschen bewohnt und geschätzt. Das Leben war insgesamt auf einem hohen Niveau, zumindest für bestimmte gesellschaftliche Gruppen. Die Handwerkszünfte verloren zunehmend ihren Einfluss auf die Entscheidungen der Stadtverwaltung. Die Schere zwischen reich und arm weitete sich, und die Lebensbedingungen der ärmeren Bevölkerung verschlechterten sich weiter. Schließlich kam es im Juli 1418 zur Eskalation: Handwerker, vor allem Fleischer und Tuchmacher, drangen in das Breslauer Rathaus ein. Manche Personen wurden aus dem Fenster geworfen, und der Bürgermeister wurde mit dem Schwert enthauptet.
Astronomische Uhr
Die Ostfassade des Rathauses wird von einer Uhr aus dem 16. Jahrhundert geschmückt. Sie zeigt die Mondphasen, und in den Ecken sind die ägyptischen Jahreszeiten dargestellt. Diese stammen aus den 1930er-Jahren und wurden damals als altgermanisch interpretiert.
Rathausturm
Hoch über dem Marktplatz wachten einst die Turmwächter über die Sicherheit der Stadt. Von hier aus hielten sie Ausschau nach den ersten Anzeichen von Bränden – einer der größten Gefahren früherer Zeiten. Wenn die Nacht hereinbrach, erfüllte der Klang der Trompete die Straßen: Der Wächter-Trompeter spielte die Stunden. Am Tag hingegen verkündete er mit seinem Instrument die Zeiten für Frühstück und Abendessen und gab so den Rhythmus des städtischen Lebens vor.
Diese fast vergessene Tradition wurde 1958 wieder zum Leben erweckt. In einem Wettbewerb setzte sich Michał Dąbrowski durch, mit einer Melodie, die auf dem alten niederschlesischen Lied „We Wrocławiu na ryneczku“ basiert und bis heute den besonderen Charakter der Stadt widerspiegelt. Und auch heute noch lebt diese Tradition weiter: Jeden Sonntag um Punkt 12 Uhr erklingt das Turmlied vom Rathausturm. Gespielt wird es von Tadeusz Nestorowicz – einem Musiker, der die Breslauer Klanglandschaft seit Jahren prägt.
Bürgersaal
Das ist der älteste Raum des Breslauer Rathauses. Gebaut an der Wende des 13. und 14. Jahrhunderts war es erstens eingeschossig und erfüllte die Handelsfunktionen. Wirklich, nicht nur auf dem Marktplatz, sondern auch hier befanden sich die Verkaufsstände. Währenddessen trafen sich hier auch die Einwohner mit dem Stadtrat (diese Funktion hat später der Große Saal übernommen). Aber nicht nur das passierte hier! Im Südschiff des Saals hat das ärmere Bürgertum gefeiert. Mit der Zeit erbaute man andere Räume, so dass der Sitz des Stadtrates immer beeindruckender wurde.
Großer Saal
Gerade hier fanden einst die bedeutendsten Feierlichkeiten unter Beteiligung des Patriziats und feudaler Würdenträger statt. In demselben Saal leisteten die Bürger Jahr für Jahr den neuen städtischen Behörden ihren Treueeid und unterstrichen damit die Kontinuität und Bedeutung der städtischen Selbstverwaltung.
Der Saal diente zudem als Treffpunkt für Gelehrte, die hier lebhafte Diskussionen führten. Mitunter verwandelte er sich sogar in eine Bühne für Schaufechten, die zahlreiche Zuschauer anzog und für Spannung sorgte. Im 18. Jahrhundert erhielt der Raum jedoch eine ganz andere Funktion: Er wurde von preußischen Soldaten als Übungsort für Drill und Exerzieren genutzt – statt angeregter Debatten hallten nun militärische Kommandos durch den Saal.
Schweidnitzer Keller
Im untersten Stockwerk des Rathauses befindet sich eines der ältesten Restaurants Europas – der berühmte Schweidnitzer Keller. Wie ein altes Sprichwort sagt: „Wer noch nie im Schweidnitzer Keller war, ist nie in Breslau gewesen“ zog dieser Ort über Jahrhunderte hinweg zahlreiche bekannte Persönlichkeiten an, darunter Johann Wolfgang von Goethe, Gotthold Ephraim Lessing, Joseph von Eichendorff, Frédéric Chopin, Karl von Holtei und Gerhart Hauptmann.
Eine besonders amüsante Geschichte stammt aus dem 15. Jahrhundert: Kaiser Sigismund soll den Keller einst verkleidet als einfacher Bürger besucht haben, um zu erfahren, was die Menschen über ihn dachten. Lange blieb er jedoch nicht – die Meinungen über ihn sollen weniger schmeichelhaft gewesen sein.
Berühmt war der Schweidnitzer Keller vor allem für sein ausgezeichnetes Bier. Zunächst schenkte man hier das Bier aus Świdnica (Schweidnitz) aus, später wurde auch das bekannte Schöps-Bier serviert.
Heute präsentiert sich das Restaurant in einem etwas veränderten, modernen Stil und verfügt sogar über eine eigene Brauerei. Besucher können hier verschiedene Biersorten probieren und in die lange Brautradition eintauchen.
Und am besten erleben Sie das selbst: In unserem Angebot finden Sie eine Bierverkostungstour. Gemeinsam mit einer StadtführerIn entdecken Sie den Breslauer Marktplatz und seine Umgebung, bevor Sie in den Schweidnitzer Keller einkehren. Dort erhalten Sie ein Verkostungsformular und haben die Möglichkeit, ausgewählte Biere mit allen Sinnen zu genießen.
Im 19. Jahrhundert war das Rathausgebäude bereits veraltet und von Efeu überwuchert, sodass ein Neues Rathaus errichtet wurde, das seine Funktion bis heute erfüllt. Das Alte Rathaus dient heute als Museum der Bürgerlichen Kunst.


