Gehen wir 750 Jahre in der Zeit zurück. Es gab keine Pflastersteine, keine Restaurants und keine schönen Altbauten. Auf dem Marktplatz herrschte jedoch großes Gedränge; es gab viele Händler, das Rathaus und den Pranger. Im 13. Jahrhundert brauchte die Stadt einen zentralen Platz für den Handel, und man entschied, ihn genau an diesem Ort zu schaffen. Bis zum heutigen Tag ist dies ein lebendiger Ort, an dem man sich nicht langweilen kann.
Allgemeine Informationen
Der Breslauer Marktplatz hat eine Ausdehnung von 204 x 170 Metern (ca. 3,7 Hektar) und ist damit der zweitgrößte mittelalterliche Marktplatz Polens. Im Zentrum steht das Rathaus, vor dem wir den Pranger sehen. Am Pranger treffen sich die Menschen schon seit jeher – früher allerdings zu einem ganz anderen Zweck. Heute verabredet man sich dort für ein Date, damals versammelte man sich, um die am Pranger ausgestellten Personen zu bestrafen. Es war schon immer ein Ort für „Spektakel“.
Im Rahmen unserer Breslauer Zeitreise bereiten wir für Sie ebenfalls eine Show vor: Ein Henker persönlich erzählt Ihnen von seinen Werkzeugen und wird Sie davon überzeugen, dass Sie ihm im Mittelalter lieber nicht begegnet wären.
Das Alte Rathaus
Mitten auf dem Marktplatz erhebt sich eines der beeindruckendsten Gebäude der Stadt – das Alte Rathaus. Über mehr als 200 Jahre hinweg erbaut, begeistert es bis heute mit seinen prachtvollen Verzierungen und gotischen Details. Das Rathaus bestand aus drei Etagen, die einst verschiedenen Gesellschaftsschichten vorbehalten waren: die höchste den Patriziern, die mittlere dem Bürgertum.
Am spannendsten ging es jedoch im berühmten Schweidnitzer Keller zu – einem der ältesten Restaurants nicht nur Polens, sondern ganz Europas. Hier kehrten einst Persönlichkeiten wie Johann Wolfgang von Goethe, Joseph von Eichendorff oder Gotthold Ephraim Lessing ein. Bis heute kann man dort ausgezeichnetes, selbst gebrautes Bier genießen und in die einzigartige Atmosphäre des historischen Breslaus eintauchen. Nicht ohne Grund sagt man: „Wer nicht im Schweidnitzer Keller war, ist nie in Breslau gewesen.“
Warenhaus Gebrüder Barasch
Anfang des 20. Jahrhunderts war Breslau ein wahres Einkaufsparadies – etwa 60 Warenhäuser buhlten um die Gunst der Kunden! Die absoluten Stars am Pioniermarkt? Das Warenhaus der Gebrüder Barasch (heute Feniks) und das luxuriöse Wertheim (heute Renoma).
Besonders die Eröffnung des Hauses Barasch glich einem Volksfest. Tausende Menschen stürmten das Gebäude, um die sensationelle Jugendstil-Architektur und die fünf imposanten Treppenhäuser zu bestaunen. Mit über 1000 Angestellten und unschlagbaren Preisen war es der Inbegriff von Innovation.
Doch das Haus ging mit der Zeit: Später wurde es im Stil des Modernismus renoviert – jener Look, der das Stadtbild bis heute prägt. Die dunkle Wende kam in den 30er Jahren, als die Nazis das Gebäude übernahmen und in „AWAG“ umbenannten. Die Breslauer reagierten mit typischem Galgenhumor und spotteten, der Name stehe eigentlich für: „Aus Wut arisch geworden“.
Haus zum Goldenen Hund
Dieses Gebäude ist eines der letzten Altstadthäuser, das nach dem Zweiten Weltkrieg restauriert wurde. Wenn man früher über den Marktplatz ging, sah man an dieser Stelle lediglich eine große Lücke in der Bebauung. Das war ein eindrucksvolles Zeichen der Kriegszerstörungen.
Man könnte sich dabei fragen: Warum eigentlich der Hund? Die Antwort darauf ist ebenso berührend wie außergewöhnlich. Bei der Renovierung arbeitete hier ein Dachdecker, der jeden Tag gemeinsam mit seinem Hund zur Baustelle kam. Die Anwesenheit des Tieres sorgte stets für Freude, sowohl bei den Arbeitern als auch beim Hund selbst.
Eines Tages jedoch kam es zu einem tragischen Unfall: Der Dachdecker stürzte vom Dach und verstarb infolgedessen. Sein Hund blieb daraufhin unermüdlich vor dem Gebäude zurück und wartete dort treu auf seinen Besitzer, bis zu seinem eigenen Tod.
Als man von dieser bewegenden Geschichte erfuhr, entschied man sich, das Haus ihm zu Ehren „Zum Goldenen Hund“ zu nennen.
Haus zu den Sieben Kurfürsten, zum Blauen Himmel, zum Goldenen Himmel
Diese drei Bürgerhäuser waren für Prinzen und Könige bestimmt. Jedes Mal, wenn ein hochachteter Gast Breslau besuchte, konnte er in diesen Bürgerhäusern wohnen. Damals aber machte man aus drei Gebäuden eines für diesen Anlass. Die Ziegel waren ohne Mörtel geordnet, sodass sie jedes Mal weggeräumt wurden und aus drei Gebäuden entstand eine große Residenz.
Haus zur Goldenen Sonne ist heutzutage ein Pan-Tadeusz-Museum. Es ist eine Filiale von Ossolineum. Es sammelt das, was Polnisch ist und „Pan Tadeusz“ von Adam Mickiewicz ist eines der bedeutendsten Stückes in Polen.
Haus zu den Sieben Kurfürsten hat auch ein Geheimnis, denn auf der Fassade finden wir acht Gestalten. Einer von denen ist Kaiser, aber welcher?
Haus zum Goldenen Becher
Dieses historische Gebäude fasziniert nicht nur durch seine wunderschöne Fassade, sondern auch durch die außergewöhnlichen Geschichten, die sich mit ihm verbinden. Am Bürgerhaus entdecken wir Darstellungen von Schiffen – ein Hinweis darauf, dass Breslau einst zur Hanse gehörte. Das mag heute überraschen, denn die Stadt verbindet man nicht sofort mit Seefahrt. Doch tatsächlich wurden Waren über die Oder verschifft und die Stadt war eng in überregionale Handelsnetze eingebunden.
Besonders spannend ist die Geschichte einer bedeutenden historischen Persönlichkeit, die hier im 15. Jahrhundert verweilte. Während eines Aufenthalts verletzte sich der Herrscher bei einer Feier am Bein und musste über fünf Monate in diesem Haus bleiben. Diese ungewöhnlich lange Zeit gab ihm die Gelegenheit, das städtische Leben genau kennenzulernen und die Entwicklungen in Breslau aus nächster Nähe zu beobachten.
Die Stadträte waren darüber jedoch wenig erfreut – insbesondere, als Unregelmäßigkeiten in ihrer Amtsführung ans Licht kamen. In der Folge wurden sie mit einer Geldstrafe von 10.000 Gulden belegt.
Gleichzeitig erwies sich der Herrscher als Förderer der Handwerkszünfte: Als Anerkennung erhielten ihre Vertreter für die nächsten 300 Jahre zwei zusätzliche Sitze im Stadtrat – ein bedeutendes Privileg, das die politische Struktur der Stadt nachhaltig prägte.


