Breslau ist eine Stadt der Brücken und Studenten, doch ihr populärstes Wahrzeichen sind die Zwerge. Man findet sie an jeder Ecke, und jeder von ihnen bezaubert sowohl Einwohner als auch Touristen. Im Folgenden stelle ich Ihnen meine Lieblingszwerge vor und gebe einige Tipps, wo Sie ihnen begegnen können. Halten Sie also die Augen offen!
Das Zwergenorchester
Vor dem Gebäude des Nationalen Forums für Musik begegnet man einer ganz besonderen Formation: 21 Mitglieder der Zwergen-Orchestergruppe haben hier ihren festen Platz. Mit ihren Instrumenten stehen sie am Ort, der heute zu den wichtigsten Bühnen für kulturelle Veranstaltungen, Konzerte und Begegnungen in Wrocław gehört.
Das Gebäude des NFM wurde 2015 fertiggestellt – pünktlich vor dem Jahr, in dem Breslau den ehrwürdigen Titel der Europäischen Kulturhauptstadt 2016 trug. Der moderne Bau zählt zu den größten Musikzentren dieser Art in Mitteleuropa. Der große Konzertsaal bietet Platz für rund 1.800 Besucherinnen und Besucher, während drei Kammermusiksäle je nach Bestuhlung zwischen 250 und 450 Gäste aufnehmen können.
Tagsüber herrscht hier reger Betrieb: Musiker proben, Besucher strömen zu Konzerten, auf dem Platz pulsiert das Leben. Doch wenn im Gebäude Stille einkehrt und draußen keine Menschenseele mehr zu sehen ist, beginnt – so erzählt man sich – das eigentliche Konzert. Dann sollen die Zwergenmusiker ihre Instrumente erheben und ein nächtlicher, nur für Eingeweihte bestimmtes Konzert spielen. Wer genau hinhört, meint vielleicht, in der Dunkelheit leise Töne über den Platz schweben zu hören.
Zwerg Schlafmützchen
Er bewacht den Eingang ins Zwergenreich. Heute kennt man ihn allerdings unter dem Namen „Schlafmützchen“. Doch so hieß er nicht immer.
Ursprünglich nannte man ihn schlicht „Wächter“. Seine Aufgabe war es, den Zugang zu kontrollieren und genau zu zählen, wie viele Zwerge das Königreich betreten oder verlassen. Eine verantwortungsvoller Job! Doch es passierte das Unvermeidliche: Der Wächter nickte ein. Als er wieder aufwachte, hatte er den Überblick verloren – und wusste nicht mehr, wie viele Zwerge es inzwischen gibt.
Zum Glück sind wir heute besser organisiert als er. Mit einer App Wrocławskie Krasnale lässt sich ganz genau nachverfolgen, wie viele Zwerge es in der Stadt gibt – und wo sie sich verstecken.
Oder noch schöner: Man begleitet einfach unsere Stadtführung durch Wrocław. Auf Nachfrage erzählt der Guide spannende Geschichten über die kleinen Stadtbewohner und zeigt dabei ganz persönliche Lieblingszwerge.
Der Zwerg „Schlafmützchen“ steht übrigens gegenüber der Elisabethkirche – direkt neben dem historischen Bürgerhaus „Jaś“ [Hänsel], an dem eine Tafel mit der Aufschrift „Muzeum Krasnoludków“ [Muzeum der Zwerge] angebracht ist. Wer hier vorbeikommt, sollte also unbedingt die Augen offenhalten – vielleicht ist der Wächter ja gerade wieder kurz vorm Einschlafen.
Papa Zwerg
Der „Papa Zwerg“ gilt als der erste Breslauer Zwerg – und zugleich als Denkmal der Pomarańczowa Alternatywa [Orangenen Alternative]. Kaum eine andere Figur ist so eng mit der jüngeren Geschichte von Wroclaw verbunden wie er.
Als die Figur im Jahr 2001 aufgestellt wurde, ahnte noch niemand, dass sie der Anfang einer ganzen Zwergenbewegung sein würde. Heute sind es über tausend – doch alles begann mit ihm.
Die Wurzeln der Zwergenidee reichen zurück in die 1980er Jahre. Damals organisierte die Orangene Alternative kreative und humorvolle Happenings als Form des Protests gegen das sozialistische Regime. Zunächst malte man Zwerge auf Mauern – oft genau dort, wo zuvor regimekritische Parolen übermalt worden waren. Später folgten öffentliche Aktionen: Tausende Menschen verkleideten sich als Zwerge oder sogar als Weihnachtsmänner und zogen durch die Straßen.
Für die Bewegung war Humor ein Werkzeug der Freiheit. Viele der Beteiligten waren Studierende, die das Gefühl hatten, nichts zu verlieren – also griffen sie zu Ironie, Absurdität und Fantasie, um politische Missstände sichtbar zu machen.
Mit dem „Papa Zwerg“ bekam diese Geschichte schließlich ein dauerhaftes Symbol im Stadtbild. Seit 2005 tauchen immer mehr neue Zwerge in den Straßen auf – jeder mit eigener Persönlichkeit, eigenem Beruf und eigenen kleinen Geschichte. Doch der Papa Zwerg bleibt der Ursprung von allem.
Breslau ist eine Stadt der Brücken und Studenten, doch ihr populärstes Wahrzeichen sind die Zwerge. Man findet sie an jeder Ecke, und jeder von ihnen bezaubert sowohl Einwohner als auch Touristen. Im Folgenden stelle ich Ihnen meine Lieblingszwerge vor und gebe einige Tipps, wo Sie ihnen begegnen können. Halten Sie also die Augen offen!
Die Hexen
Diese Hexen sind unmittelbar mit der Legende einer Brücke verbunden.
Eines Tages lebte in der Stadt ein Mädchen namens Tekla. Obwohl sie sehr schön war, galt sie als faul – sie wollte nicht im Haushalt helfen, stattdessen verdrehte sie lieber hübschen Jungs den Kopf. Die Jahre vergingen, doch Tekla änderte sich nicht. Schließlich konnten ihre Eltern ihr Verhalten nicht länger ertragen und belegten sie mit einem Fluch: Von diesem Zeitpunkt an musste sie bis in alle Ewigkeit die Brücke zwischen den Kirchtürmen kehren.
Tränen, Bitten und Schreie halfen ihr nicht – niemand hörte sie. Mit den Jahren verlor sie ihre Schönheit, und aus dem einst stolzen Mädchen wurde eine erschöpfte, trostlose Gestalt.
Als sie schließlich keine Kraft mehr hatte, die Brücke weiter zu kehren, erhielt sie Hilfe. Eine junge Hexe namens Martynka, die ein gutes Herz hatte, wollte Tekla helfen. Sie flog zum Breslauer Marktplatz, um Unterstützung zu suchen. Dort traf sie den Zauberer Michał, der seine Brille verloren hatte. Sie hat ihm bei der Suche geholfen und bat ihn im Gegenzug um nichts anderes als die Befreiung von Tekla von ihrem Fluch. Der Zauberer erfüllte ihren Wunsch.
Die Brücke zwischen den Türmen der Kirche der hl. Maria Magdalena blieb jedoch als Mahnung bestehen – sie warnt vor Faulheit und Leichtsinn. Sie steht bis heute in einer Höhe von 45 Metern über dem Boden und erinnert an die alte Legende.
Der Professor
Wer unterrichtet die Studierenden, korrigiert Prüfungen und vermittelt seit Generationen Wissen? Natürlich – der Professor höchstpersönlich. Heute bewacht er symbolisch das Tor zur Universität Breslau und erinnert dort an die lange akademische Tradition der Stadt.
Stets mit einem Buch in der Hand – und im Gegensatz zu manch anderem Zwerg immer hellwach – trägt er eine Toga sowie eine akademische Baskenmütze. Seine Figur steht für die jahrhundertelange Weisheit, die aus den Hörsälen der Universität hervorgegangen ist, und für all jene Professorinnen und Professoren, die hier gelehrt und geforscht haben.
Wer an ihm vorbeigeht, spürt sofort: Dieser Zwerg nimmt seine Aufgabe ernst. Er ist nicht nur eine charmante Figur am Wegesrand, sondern auch ein kleines Symbol für den Geist der Wissenschaft, der in Wrocław seit Jahrhunderten lebendig ist.
Säulen-Zwerge
In Breslau lohnt es sich, nicht nur vor die eigenen Füße zu schauen – sondern auch einmal den Blick zu heben. Denn einige Zwerge haben sich Plätze ausgesucht, die man nicht sofort entdeckt: hoch oben auf den Laternen der Stadt.
Der Legende nach kann derjenige Zwerg, der es auf die höchste Laterne schafft, einen Blick in seine Zukunft werfen. Kaum oben angekommen, rufen sie laut: „Ich sehe, ich sehe!“, damit auch wirklich jeder andere Zwerg davon erfährt – und sie ein kleines bisschen beneidet.
Doch wenn wir ehrlich sind, steckt dahinter wohl etwas ganz anderes. Diese Zwerge gelten nämlich als echte Angeber. Sie rufen zwar begeistert von ihren Laternen herunter, aber ob sie tatsächlich ihre Zukunft gesehen haben…bleibt wohl ihr Geheimnis – oder vielleicht haben sie einfach nur die beste Aussicht über die Stadt genossen.
Entdecken kann man die kletterfreudigen Zwerge unter anderem in der Świdnicka-Straße (ganz in der Nähe des Papa Zwergs) sowie auf dem Salzmarkt. Wer also durch Wroclaw spaziert, sollte ruhig öfter nach oben schauen – manchmal spielt sich das Zwergenleben nämlich ein paar Meter über unseren Köpfen ab.
Breslauer Zwerge findet man überall in der Stadt. Man kann dabei eine Karte benutzen oder mit uns an einer Stadtführung teilnehmen. Wir zeigen Ihnen unsere Lieblingszwerge und erzählen ihre Geschichten.


